Mit der Bahn durch Kanada: Bewertung Via Rail Business Class Toronto – Ottawa

Via Rail Toronto Ottawa Business Wagen

Bei Reisen durch Nordamerika sind üblicherweise das Flugzeug und / oder ein Mietwagen das Transportmittel der Wahl. In weiten Teilen des Kontinents pflegt der ÖPNV eher ein Nischendasein, zumindest wenn es um den Intercity-Verkehr geht.

Etwas besser sieht die Situation im Osten Kanadas aus. Auf dem Corridor von Windsor nach Quebec betreibt die staatliche Eisenbahngesellschaft ein vergleichsweise dichtes Netz an Zugverbindungen. Auf einer Reise durch den Indian Summer ist Travel-Dealz-Autor Peer im September mit der Bahn von Toronto nach Ottawa gereist. Lest nachfolgend, wie sich Bahnfahren in Kanada von einer Fahrt durch Deutschland unterscheidet.

Der kanadische Bahn-Korridor

Der sogenannten Corridor (Wikipedia) der kanadischen Staatsbahn Via Rail vernetzt die Metropolregionen in den Bundesstaaten Ontario und Quebec im Osten des Landes. Er führt von Quebec über Ottawa und Toronto bis nach Windsor direkt an der amerikanischen Grenze (unweit von Detroit).

Streckennetz Via Rail Kanada
Das Streckennetz von Via Rail Canada. Dunkelbau: Der Corridor Windsor-Quebec (© Via Rail)

Die Strecken zeichnen sich durch eine vergleichsweise hohe Frequenz und hohe Geschwindigkeiten (bis zu 160 km/h) aus. Ein weiterer Ausbau für Geschwindigkeiten bis zu 200 km/h auf separaten Bahngleisen (d.h. unabhängig vom Frachtverkehr) ist im Gespräch. Aktuell sind die Strecken nicht elektrifiziert und alle Züge dieselbetrieben.

Abseits des Corridor betreibt Via Rail noch weitere Strecken und Züge wie den Canadian von Vancouver nach Toronto und den Ocean von Montreal nach Halifax. Diese verkehren dann mitsamt Schlafwägen, werden aber maximal 1x täglich, derzeit noch deutlich seltener, bedient.

Buchung

Meine heutige Fahrt sollte mich aber nur von Toronto nach Ottawa führen. Eine knapp fünfstündige Fahrt ohne Umstieg, die aktuell sechsmal täglich angeboten wird.

Gebucht habe ich mein Business-Class-Ticket vier Tage vor Abfahrt zum Preis von 148 CA$ (~104 €) inklusive Steuern. Die Economy wäre zu dem Zeitpunkt rund 30€ günstiger gewesen. Dafür gibt es in der Business Class ein großzügigeres Platzangebot (vergleichbar mit der 1. Klasse bei der DB), Loungezugang an den großen Bahnhöfen sowie kostenfreie Verpflegung.

Die Buchung über die Website von Via Rail lief unkompliziert ab. Aktuell sind dort sogar alle Tickets kostenlos stornierbar. Nicht zum Laufen bekommen habe ich hingegen die Via-Rail-App, dort ließ sich die Buchungsmaske nicht öffnen.

Bahnhöfe

In Toronto fährt Via Rail direkt von der Union Station im Zentrum der Stadt ab. Die historische Bahnhofshalle kommt zwar nicht ganz an den Charme der Grand Central Station in New York heran, ist aber dennoch imposant (und wurde erst kürzlich renoviert). Erreichbar ist die Union Station unkompliziert zu Fuß oder mit der Metro.

Anders sieht es in Ottawa aus. Dort hat ein „neues“ Bahnhofsgebäude im Jahr 1966 die ursprüngliche Union Station im Stadtkern abgelöst. Der neue Bahnhof liegt drei Kilometer südöstlich der Innenstadt. Von hier aus dauert die Fahrt in die Innenstadt normalerweise rund 10 Minuten mit der S-Bahn (O-Train). Zum Zeitpunkt meiner Reise war die Stadtbahn leider (seit mehreren Wochen) gesperrt und es verkehrte nur ein Schienenersatzverkehr mit dreifacher Reisezeit

Via Rail Toronto Ottawa Bahnhof Ottawa

Lounge

Via Rail betreibt an den Bahnhöfen Toronto, Ottawa, Montreal, Quebec, Kingston und London (Ontario) eigene Lounges. Zugang erhalten:

  • Passagiere der Prestige Class
  • Passagiere der Business Class
  • Passagiere der Sleeper Plus Class
  • Vielreisende mit Premier-Status auf einem Economy-Plus-Ticket oder Multi-Pass

Loungezugang besteht in allen Lounges vor der Abfahrt sowie in Montreal, Ottawa und Toronto auch bis zu 2 Stunden nach Ankunft des Zuges.

Da ich rund 45 Minuten vor Abfahrt des Zuges in der Toronto Union Station ankam, blieb noch etwas Zeit für einen Loungebesuch. Die Lounge befindet sich in einem offenbar historischen Raum in unmittelbarer Nähe der Haupthalle. Von dort sind es rund zwei Minuten bis zum Abfahrtsbereich.

Die Lounge bot zum Zeitpunkt des Besuchs Ende September 2021 ausschließlich Getränke an. Zur Wahl standen verschiedene Säfte, Soft Drinks und Kaffeespezialitäten. Snacks sucht man vergeblich – das Angebot ähnelt also dem einer typischen DB-Lounge.

An Sitzgelegenheiten gibt es verschiedene Sofas, Sessel und lange Tische mit Barhockern. Letztere bieten sich dazu an, etwas Arbeit am Laptop zu erledigen. Passende Steckdosen konnte ich auf den ersten Blick aber nicht finden. Da sich nur die wenigstens Gäste mehr als eine Stunde in der Lounge aufhalten dürften, ist das Angebot durchaus angemessen. Mit einer Flughafenlounge kann sie aber (wie erwartet) nicht mithalten.

Boarding

Ein „Boarding“-Abschnitt bei einer Bahn-Bewertung? Was macht der denn hier? Auch wenn das Bahnfahren in Nordamerika einige Gemeinsamkeiten mit Zugfahrten durch Europa aufweist, gibt es doch einige Unterschiede. Einer davon ist der Einsteige-Vorgang.

Via Rail Toronto Ottawa Eingang Zuege
Weg zu den Zügen in der Toronto Union Station

Erst wenige Minuten vor Abfahrt des Zuges ist es möglich, überhaupt zum Bahnsteig zu gelangen. Der Bahnsteig ist daher nicht wie in Deutschland als Wartefläche ausgelegt, sondern dient tatsächlich nur dazu, in den Zug zu gelangen. Vorher muss zunächst ein erster Scan der Bordkarte durchlaufen werden. Und ich staunte nicht schlecht, als ich 20 Minuten vor Abfahrt eine Warteschlange mit an die 100 Personen vorfand:

Glücklicherweise gibt es für Business-Class-Passagiere in Priority Boarding. Dies war am Bahnhof zwar nirgendwo ausgeschildert, aber ich konnte einfach anderen Passagieren von der Lounge durch die Ticketkontrolle folgen. So ging es als einer der ersten in… den separaten Sitzbereich hinter der Ticketkontrolle. In der Economy wird auch das Gewicht des Gepäcks kontrolliert, als Business-Class-Gast blieb mir die Gepäckwaage erspart.

Wenige Minuten später (20 Minuten vor Abfahrt des Zuges) wurde dann der Weg zum Bahnsteig geöffnet – und von dort in Wagen 1. Von den vier Wagen des Zuges entfiel nur einer auf die Business Class.

Kabine & Komfort

Der Wagen wirkte wie eine interessante Kombination aus Flugzeugkabine und europäischem Schnellzug. Die Sitze sind beinahe identisch mit denen eines ICE 2 oder ÖBB Railjet in Europa. Die Sitzanordnung in der Business Class ist (in den modernisierten Wagen) 2-1, während es in der Economy Class vier Sitze je Reihe gibt.

Über den Sitzen befinden sich aber verschließbare Gepäckfächer, die eher an eine alte Boeing 757 erinnern. Größere Koffer können am Ende des Wagens verstaut werden. Einen extra Gepäckwagen gibt es auf Zügen des Corridors nicht, auf anderen Strecken (wie dem Canadian von Vancouver nach Toronto) hingegen schon.

Via Rail Toronto Ottawa Kabine Sitze
Sitzanordnung in der Via Rail Business Class

Zurück zu den Sitzen: Diese sind für kürzere Fahrten durchaus bequem, können nach mehreren Stunden Fahrt aber doch am Hintern schmerzen. Etwas mehr Polsterung würde den Sitzen also durchaus guttun. Zum Glück dauert aber selbst die längste Corridor-Verbindung (Toronto – Montreal) nur etwas mehr als fünf Stunden, was zweifelsohne auszuhalten ist.

Leider befinden sich nur wenige Sitze an einem richtigen Tisch. Die übrigen sind wie in einem Flugzeug hintereinander angeordnet und bieten nur einen Klapptisch. Sitzplätze ließen sich bei der Ticketbuchung auch nicht frei auswählen. So wurde mir ein Platz in einer Zweierreihe mit belegtem Nebensitz zugewiesen und ich musste stets über einen anderen Passagier steigen.

Die bessere Wahl, insbesondere in Pandemiezeiten, wäre eine der Einzelsitze gewesen. Allerdings waren diese alle belegt, genau wie die Plätze an einem der wenigen Tische.

In den Zügen von Via Rail gibt es noch echte Vorhänge an jedem Platz. Der Nutzen dieser ist allerdings auf den Sonnenschutz beschränkt, denn das Licht in der Kabine blieb die ganze Fahrt über an. Eine wirksame Abdunklung kann nur mithilfe einer Schlafmaske erzielt werden.

Essen & Trinken

In der Business Class sind alle Getränken und Mahlzeiten inbegriffen. Die erste Getränkerunde mit Wasser, Soft Drinks, Wein und Bier begann bereits fünf Minuten nach der Abfahrt in Toronto. Vor allem Wein und Wasser wurden auch regelmäßig nachgefüllt, sodass kein Passagier durstig aus dem Zug steigen muss.

Via Rail Toronto Ottawa Laptop auf Tisch
Kleiner Snack mit kanadischem Ginger Ale

Bis zum Essen dauerte es noch einige Zeit. Dieses wurde 90 Minuten nach der Abfahrt in Toronto serviert, sodass Passagiere auf kurzen Strecken leer ausgingen. Serviert wurden die Mahlzeiten von einem Trolley mit der Wahl zwischen Pasta, Truthahn oder Fisch.

Ich entschied mich für die Truthahnbrust mit Reis und Gemüse. Serviert wurde diese zusammen mit:

  • Einer kleinen Käseplatte bestehend aus Camembert und Ziegen-Frischkäse
  • Einer Dessertcreme mit Zitrone
  • Einem labbrigen Dauerbrot (wie aus dem Flugzeug bekannt) mit etwas Salzbutter
  • Einem kleinen Täfelchen dunkler Schokolade

So ganz erschließt sich mir nicht, wieso Via Rail unbedingt ein ewig haltbares Fertigbrötchen servieren muss, wo es in den kanadischen Großstädten doch jede Menge guter Bäckereien gibt. Ansonsten war das Essen aber durchaus genießbar, nur in Erinnerung bleiben wird es nicht.

Service

Der Service war die ganze Zeit über aufmerksam und freundlich. Es wurde sicher fünf oder sechs Mal nach Getränkewünschen gefragt und zudem noch eine Wasserflasche gereicht.

Am Anfang der Fahrt gab es noch eine kurze Sicherheitseinweisung, da mir ein Platz am Notausgang zugewiesen wurde. Diese war aber mit wenigen Sätzen erledigt, denn das Einschlagen der Fensterscheibe ist kein Hexenwerk. Zwei Passagiere pro Wagen erhalten außerdem Anweisungen, wie sich im Notfall die Türen des Wagens öffnen lassen.

WLAN

Sowohl in der ersten als auch der zweiten Klasse steht WLAN kostenlos zur Verfügung. Die Geschwindigkeit war nicht toll, aber zum Surfen in Ordnung. In einer ländlichen Gegend kam ich auf rund 3 MBit/s im Down- und ebenfalls 3 MBit/s im Upstream. Ab und an war das Internet kurz unterbrochen, insgesamt funktionierte es aber erstaunlich reibungslos.

Über das WLAN (oder jederzeit auf viarail.ca) können Geschwindigkeit (max. 150 km/h) und Position des Zuges live mitverfolgt werden. Informations-Displays im Zug gibt es hingegen nicht. Ansonsten beschränkt sich das Unterhaltungsprogramm auf regelmäßige Hup-Einlagen der Diesellokomotive, die offenbar trotz beschrankter Bahnübergänge nötig sind.

Extras

Zwischen den Sitzen befanden sich zwei Steckdosen. Diese befinden sich weit genug auseinander, sodass auch einer Nutzung mit Strom-Adapter nichts entgegenstand. Denn internationale Steckdosen, wie etwa im Flugzeug, verbaut Via Rail nicht.

Im ganzen Zug sowie auch an den Bahnhöfen besteht Maskenpflicht. Diese dürfen nur zum Essen und Trinken abgenommen werden.

Was die Pünktlichkeit angeht, genießt Via Rail einen mindestens so schlechten Ruf wie die Deutsche Bahn. Grund dafür sind vor allem häufige Stopps, um auf die parallel verkehrenden Güterzüge zu warten. Auf meiner Fahrt lief allerdings alles reibungslos, wir kamen sogar neun Minuten zu früh am Bahnhof Ottawa an.

Via Rail Business Class (Corridor)
  • App & Website
  • Lounge
  • Boarding
  • Essen & Trinken
  • Service
  • WLAN & Extras
3.85
Fazit

Für kurzfristige Buchungen zwischen kanadischen Metropolen rufen die Fluggesellschaft teils astronomische Preise auf. Ein Economy-Flug von Toronto nach Ottawa hätte mich eine Woche vor Abflug mehr als 200€ gekostet, die Business Class das doppelte. Die Bahn war daher eine gute Alternative. Via Rail brachte mich schnell, pünktlich und halbwegs bequem ans Ziel.

Über den Mehrwert der Business Class lässt sich streiten. An sich ist das Produkt durch die inbegriffenen Mahlzeiten + Getränke stimmiger als bei der Deutschen Bahn. Wieso die Passagiere der ersten Klasse dicht gedrängt sitzen müssen, während in der Economy Class jeder zweite Platz frei blieb, erschließt sich mir aber nicht. Dazu kommen kleinere Mängel wie die fehlende Sitzplatzwahl. Zudem kann im Jahr 2021 eine funktionstüchtige App erwartet werden.

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Kommentare (2)

  1. Robert sagt:

    Die Sitzplatzauswahl ist telefonisch über die Via Rail-Hotline möglich, habe ich selber im November 2021 speziell für die beiden Einzelsitze mit gemeinsamem Tisch gebucht.
    Laut Diagramm 8S + 9S:
    https://corpo.viarail.ca/en/projects-infrastructure/train-fleet/lrc-club-car-units-3451-3475/diagram

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